Berliner Milchforum 2010

März 22, 2010

Berliner Milchforum 2010

„Milchmarkt in bewegten Zeiten“ – Unter diesem Motto stand das diesjährige Berliner Milchforum, das erstmals vom Deutschen Bauernverband (DBV) und dem Milchindustrie-Verband (MIV) unter Kooperation mit dem Deutschen Raiffeisenverband (drg) und der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) ausgerichtet wurde.

Es sollte ein Treffen für Milchbauern werden, um Problemlösungen und Beratung zu bieten. Allein die Frage nach der Zukunft, brennt uns allen schmerzhaft wie Feuer unter den Nägeln. Den gemeinen Milchbauern, Dich, habe ich vermisst. Es ist ein Elite-Treff. Molkereivertreter, Politiker, Milchbauern – die sich für die 5% Besten unseres Landes halten und es vielleicht auch sind. Mir wird wirklich bewusst, wer die Zügel des maroden Karren hält und noch am Verkauf der Goldbeschläge verdient.

Es gehört zum guten Ton, dass sich Regierung und Opposition im ständigen Klinsch liegen. Die christlich-liberale Regierung sprintet klar nach vorne. Hier wird weiter auf Export gesetzt. Denn der Global Player Status ist schließlich das Merkmal des Deutschen Egos. Die GEFA, Nachfolger der CMA und mit guten 3,2 Millionen Euro ausgestattet, soll dabei helfen neue Märkte zu erschließen. Durch spezielle Programme soll es möglich sein, nochmals zusätzliche Gelder aus dem EU-Topf, der schon drastisch am schrumpfen ist, locker zu machen. National wird die Agrarpolitik eingeschränkt werden, denn die Rahmenbedingungen werden zukünftig verstärkt aus Brüssel kommen. Verwirrend, denn einerseits setzt man auf das vereinigte Europa und andererseits bejubelt man die von Frankreich abgerungenen Marktanteile – die Franzosen waren übrigens nicht begeistert. Die Opposition (Grüne und Linke) hingegen setzt auf eine Mengenanpassung, vielleicht nach dem kanadischen Modell, lt. Ostendorff (Grüne). Mit gentechnikfreien Produkten und sinnvollem Einsetzen von Steuergeldern muss auch der Verbraucher bei der Zukunftsgestaltung mit ins Boot geholt werden. Mit Regionalität und einer Veredelungsstrategie kann man dem Milchgesicht Deutschlands und dem der EU neue Züge verleihen.

Trotz der höheren Volatilität prognostizierte Martin van Driel, Generaldirektion AGRI der EU-Kommission, einen Milchpreis für 2015, der lediglich 3% unter dem Niveau von 2008 liegen wird. Die Produktion solle bei der sinkenden Anzahl der Milchviehhalter gleich bleiben. Sehr hohe Milchpreise hingegen würden eine Produktionssteigerung nach sich ziehen, wobei sich mit einem durchschnittlichen Milchpreis immer noch Gewinne erzielen lassen würden. Revue: Ein hoher Milchpreis ist schlecht. Schlecht für die Menge. Hier wird nicht der gemeine Milchbauer angesprochen, für den eine Aufstockung ein Prozess über Jahre bedeutet, sondern die Bauern unter uns, die sofort jeden Cent investieren. Da freut sich die Bank. Zum Glück soll es aber für die schlechten Zeiten, lt. Van Driel, ein installiertes Sicherheitsnetz geben, das bei einem Milchpreis von 21-22 Cent angebracht werden wird. Die absolute Talsohle wird dadurch zwar nicht erreicht werden, aber die Tiefphase wird länger andauern. Er plädiert auf die Rückkehr der eigentlichen Funktion des Interventionsinstrumentes – Anwendung in Krisenzeiten. Das heißt für ihn, alle 5 – 6 Jahre. Ich hoffe, dass er auch genug Einfluss auf den Milchpreis haben wird, damit der Preis sich in diesem Turnus bewegen wird.

Wer trägt die Schuld an den schlechten Milchpreisen? Ob es wirklich der Lebensmitteleinzelhandel ist, das erläuterte Manfred Heimes, Geschäftsführer der Baackes & Heimes GmbH. Selbst der Lebensmittelhandel sehe sich in einem großen Wettbewerb und nutze hier die durch Ausschreibungen erzielten Niedrigpreise für Grundnahrungsmittel um den Verbraucher in den Laden zu locken. Demnach liege die Schuld bei dem, der günstig anbiete – dem Produzenten / der Molkerei. Verlange die Molkerei für ihr Produkt allerdings einen zu hohen Preis, greifen Produzenten gerne mal zu pflanzlichen Mitteln zurück. Ein Teufelskreis. Die Zukunft gehört den Commoditys, denn Markenprodukten haftet für beide Verhandlungspartner ein höheres Risiko an und durch das recht gute Image der Milchprodukte, würde der Verbraucher durch verstärkte Nachfrage ein Markenprodukt nicht honorieren. Dass der Handel bei niedrigen und hohen Preisen Gewinne erzielt und die Molkerei ihr Risiko durch das „upside-down“ – System („der Erzeuger bekommt, was je nach Umsatz auf den Absatzmärkten übrig bleibt“) drastisch reduziert, bleibt verschwiegen. Ebenso, dass die Anteile der Verbraucher, die auf bewusste Ernährung setzen, stetig steigen. Eine neue Erkenntnis war das nun nicht. Jedoch sei gesagt, dass der Lebensmitteleinzelhandel auch nur „Getriebener des Marktes“ ist oder lachender Zuschauer. Der Erzeuger muss endlich lernen, in diesem Kampf als heulender Dritter zu überleben.

Die Talsohle ist durchschritten, verkündet Monika Wohlfahrt, Geschäftführerin der ZMB, und begründet dies mit der nachweislich gestiegenen Weltmarktnachfrage und durch den Abbau der Produktbestände. Dass wir die Tiefpreisphase hinter uns haben und dass der Aufstieg kommen wird, beweißt der Preiszyklus. Doch wie wird der Anstieg ausschauen? Moderat, hinblickend auf die Interventionsware die definitiv 2010 auf den Markt kommen wird? Oder doch stetig? Steigen wird der Preis auf jeden Fall. Fraglich ist auf welches Niveau und wie groß der Zeitraum bis zu dem nächsten Tal werden wird. Da muss schon die Glaskugel her, denn hier helfen alle Statistiken nicht weiter. Auch hier nichts Überraschendes.

Durch die spontane Programmänderung kam nicht etwa das „Beste“ zum Schluss in Form von Dr. Karl-Heinz Engel, sondern Hans Holtorf in seiner Funktion als Stellvertretender Vorsitzender des Milchindustrie-Verbandes und erläuterte ob, oder vor allem wie, es ein Leben nach der Quote geben wird. Man solle beachten, dass die Quoteneinführung 1984 auch eine Notmaßnahme gewesen sei und wie sich nun herausstelle, auch eine anfällige. Nicht nur Milchbauern sehen sich einem Strukturwandel gegenüber, auch die Molkereien seien davon betroffen und es ist besonders wichtig, dass eben hier die Politik mit Rahmenbedingungen nachsetze. Fraglich bleibt, wie die Rahmenbedingungen ausschauen werden und vor allem, wem sie nützen werden. Den volatilen Märkten sei mit den GAP – Instrumenten am besten entgegenzutreten und mit einer guten Risikosteuerung in der einen und guten Prognosen in der anderen Hand. Die überall spekulierte Molkereiquote wird es nicht geben. Ganz einfach, weil es sie in Verbindung mit der bleibenden Abnahmegarantie nicht geben kann. Einer Molkerei steht allerdings frei, ab einem gewissen Zeitraum keine Neukunden mehr aufzunehmen, wenn die Mehrmenge absehbar nicht mehr abzusetzen ist. Es würde keine Einheitsverträge geben, da dies bei der strukturellen Vielfalt unter deutschen Bauern nicht möglich sei. Es stehe allerdings fest, dass die Mengenplanung dabei eine größere Rolle als bisher spielen wird. Man munkelt über fünf, ja sogar zehn Jahresverträge. Die Industrie sehe sich gut vorbereitet auf 2015. Ob der gemeine Landwirt es auch schafft, bis 2015 seine Hausaufgaben zu machen?

Die angekündigten Problemlösungen und Beratungen hat es – für mich – nicht gegeben. Ich muss allerdings sagen, dass die Tagung in vielerlei Hinsicht lediglich das trojanische Pferd für den abendlichen Branchentreff gewesen ist. Wenn der Chefeinkäufer von Sachsenmilch auf den hoch dotierten Milchbauern aus Norddeutschland trifft, einen Tisch weiter Udo Folgart, umringt von wichtigen Persönlichkeiten, die brandenburgische Milchkönigin herumreicht und in dem Wirrwarr noch Banker, Versicherungsvertreter und die anderen elitären Milchbauern sich nett unterhalten, ist eins klar: Hier geht es nicht um Fairness in der Zukunftsgestaltung. Hier greift das Prinzip „Den letzten beißen die Hunde“. Hier wurden Geschäfte gemacht, Kontakte geknüpft und an dem persönlichen Profil gefeilt. Das ist eine Welt, in der der gemeine Milchbauer nicht gerne gesehen wird. Aber die Herren sind sehr sensibel und sagen das nicht direkt – dafür hat die Tagung einen stolzen Preis und die Kasse wieder etwas leerer.

Sicher haben sich die zwei Tage für mich gelohnt. Ich hatte die Möglichkeit Einblick in eine Welt zu bekommen, deren Existenz mir bewusst war, ich aber jetzt erst schmerzlich wahrgenommen habe. Aber es hat mich nicht demotiviert. Im Gegenteil. Das ist die Art Veranstaltung gewesen, aus der man Kraft schöpfen kann. Kraft für einen Kampf der manchmal in stillen und dunklen Nächten aussichtslos erscheint. Hoffentlich bestärkt es auch andere.

PDF – Berliner Milchforum 2010

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