Das erste Mal tut immer weh

März 16, 2010

Verschiede Institutionen haben auch dieses Jahr wieder zu einem hessischen Milchgipfel geladen. Das nordhessische Breuna war der Austragungsort, “Milchproduktion im Blickpunkt – Ausrichtung auf morgen” das Thema.

Von Haus aus doch sehr polarisiert, versuchte ich dennoch ganz unbefangen Eindrücke auf der ersten Bauernverbandsversammlung meines Lebens zu erhaschen. Die Stühle waren bequem und Hochwald sorgte für den Genuss zwischendurch. Friedhelm Schneider, Präsident des hessischen Bauernverbands, eröffnete – mit kleiner Verspätung, wie das unter Landwirten so üblich ist – die Versammlung, begrüßte die Ehrengäste und schwang noch weitere Phrasen. Ohren auf, es geht los.

Mit Dr. Johannes Holzner, FH Weihenstephan, ging es raus in den Wust aus internationalen Handelsbeziehungen. Die Entwicklungsländer werden sich weiter entwickeln und die EU sollte auf Veredelungsproduktion setzen. Sehr interessant hingegen waren allerdings die Projekte seiner Studenten. Welcher Betriebstyp wird bei dem Strukturwandel überlebensfähig sein? Die Ergebnisse fielen zugunsten von Betrieben bis 150 Kühen aus. Auch die Molkereien wurden befragt, wie es denn nach 2015 aussehen wird. Die Frage bleibt allerdings offen, ob es eine Mengenregulierung geben  und sich das Preisschema verändern wird. Fakt ist, dass unsere Molkereien EU weit schlecht aufgestellt sind. Aber brauchen wir, wollen wir Molkereien als Global Player? Müssen unsere Molkereien, lt. Holzner, Marken entwickeln um mit einer Nestle mithalten zu können? Ich denke, Deutschland hat andere Stärken und auf die sollten sich die Molkereien besinnen – Stichwort Käse.

Anne Mawick, LLH Eichhof, hat viele Statistiken über die Milchviehhaltung in Hessen im Gepäck. Interessant dabei, das im späteren Verlauf Betriebe < 50 Kühen nicht mehr gelistet werden. Die Entwicklung ist deutlich. Seit 1950 gibt es in Hessen einen Rückgang der Milchkühe um 66%, einen Rückgang der Milcherzeuger um 97%. Statistisch gesehen sind Betriebe erst ab 60 Kühen wachstumsfähig. Appell an die Totgeglaubten: Beweißt das Gegenteil!

Gehen wir weg von veralteten Statistiken und wenden uns Birthe Lassen, von Thünen Institut Braunschweig, und ihren zeitgemäßeren Einschätzungen über Niedersachsen zu. Die Struktur Niedersachsens ist erfrischend anders, aber keineswegs auf Hessen anwendbar. Das Wachstum gerät hier an seine Grenzen. Wer wachsen will, muss ein schwarzes Loch für die anfallende Gülle finden und Pachtpreise von 600-700 €/ha einplanen. Pacht für Land, das knapp ist. Ihrer Einschätzung nach ist das Ende der Milchquote besiegelt – der Sarg für viele schon gezimmert. Sie fordert Landwirte auf, Visionen zu hegen. Recht hat sie. Wer nicht weiß, wo er in fünf Jahren stehen will, wird in Zeiten schwankender Märkte nur ein Fähnchen im Wind sein. Anhand der Auswertung dreier Szenarien steht für sie fest, dass sich der Milchpreis bis 2020 bei 27 – 29 Cent einpendelt haben wird. Wohlgemerkt Jahresdurchschnitt, Preisschwankungen von über 20 Cent einbegriffen. Die alles entscheidende Frage: Wer wird pleite gehen? Lohnkosten werden ein entscheidendes Thema sein, Flexibilität ist gefragt. Doch auch Familienbetriebe können es schaffen, mit einem guten Liquidtätsmanagement.

Unsere Ferkelerzeuger sind schon seit Jahren durch den schwankenden Markt betroffen. Wilfried Brede, Service Team Alsfeld, bringt es auf den Punkt. Auch wenn der gemeine Landwirt eine natürliche Aversion gegen Zahlen hegt, erfordert es die aktuelle Situation, dass er sich eine gewisse Zeit am Tag auch als Kaufmann verhält. Man muss aktiv werden, das Zepter in die Hand nehmen. Habt keine Furcht vor Begriffen wie „Risikomanagement“. Das müssen auch unsere Nachfolger lernen. Der internationale Vergleich wird überbewertet. Wir müssen uns nicht mit Argentiniern oder Neuseeländern messen. Wichtig sind die Vergleiche mit Nachbarn in  Deutschland und mit den direkten Landesnachbarn. Heute steht fest, dass wir um den freien Markt wahrscheinlich nicht herum kommen werden. Also sollten wir uns darauf vorbereiten. Ein Schmankerl zwischendurch. Rein statistisch gesehen wird eine Kuh 2050 im Schnitt 15.000kg Milch abgeben können. 15.000!

Vier Redner hinter uns. Viel Input. Und bekanntlich kommt das Beste zum Schluss.

Landwirt Claus Luerßen, Uthlede, Niedersachsen.

Eins vorneweg, diesem Mann gebührt Respekt gezollt. Das Management, dass ein 700 Kuh-Betrieb erfordert, muss diszipliniert durchgeführt werden. Ein Mann, der sich auf klare Linien versteht, getreu nach dem Motto: „Nicht lange fackeln, Calcium rein und fertisch!“. Das Bild bekommt allerdings Kratzer. Muss die Kuh „funktionieren“? Muss man überliefern? Mir wird klar, Claus Luerßen ist ein Manager. Manager in einem Unternehmen, das nicht mehr viel mit Landwirtschaft gemein hat. Landwirtschaft wie ich sie kenne. Für die Zukunft hat er sich hohe Ziele gesteckt. Wachstum. Doch hier zählt nicht nur der Wachstum an Kühen in seinem Stall – der Standort lässt immerhin 1800 Kühe zu. Nein, auch andere Bereiche müssen erweitert werden. Bildung und Wissen, Claus jun. als Nachfolger küren, Biogasanlage, Photovoltaik. Er hat einen Plan, eine Vision. Das Fähnchen im Wind wird er nicht sein. Doch für welchen Preis?

Ende der Veranstaltung und ich hab so ein Gefühl im Bauch. Das Gefühl, dass der elterliche Betrieb es nie schaffen wird. Wir werden ausrangiert, uns braucht man nicht mehr. Wofür noch weiter kämpfen? Doch der Blick in den heimischen Stall beruhigt das Gemüt. Lisbeth hat ein neues Kälbchen. Lisbeth nicht Nr. 625.

Ich hab viel mitgenommen aus Breuna und für mich steht fest:

Die betriebswirtschaftliche Seite muss an Bedeutung zunehmen. Wir müssen uns weiterbilden und BWL sollte in der Ausbildung zu einem festen Bestandteil werden.

Visionen lassen einen nicht nur traumtänzerisch durchs Leben gleiten, sie vermitteln auch Sicherheit. Man kann nicht loslaufen, wenn man das Ziel nicht kennt.

Die verschiedenen ländlichen Strukturen geben es nicht her, dass wir deutschlandweit nach dem niedersächsischen Modell arbeiten können. Kleine Betriebe haben auch Stärken in Zeiten schwankender Märkte. Und nicht nur wir Landwirte, auch die Molkereien sollten sich auf diese Stärken besinnen. Man muss kein Markenprodukt á la Actimel entwickeln. Deutschland ist ein Käse-Land, lasst uns Käse machen und die Welt daran teilhaben.

Wachstum ist notwendig, aber man sollte ihn nicht auf die Kuhanzahl beschränken. Ich möchte den Schwerpunkt auf die Betriebsführung, sprich auf Weiterbildung, legen. Wobei man nicht vergessen darf, das Wachstum ein dehnbarer Begriff ist.

Es gilt:

„Heute tun, was morgen notwenig ist, um übermorgen gebraucht zu werden.“

Nadine Reichel

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